Es gibt Städte, von denen man vorher schon so viele Bilder gesehen hat, dass man glaubt, ungefähr zu wissen, was einen erwartet.
Und dann kommt man nach Matera.
Bei uns war es jedenfalls so.
Natürlich kannten wir die berühmten Bilder der Sassi: diese scheinbar übereinandergestapelten Häuser aus hellem Stein, dazwischen Treppen, kleine Gassen und Höhlen. Aber erst als wir selbst durch Matera liefen, wurde uns klar, dass diese Stadt viel mehr ist als eine spektakuläre Kulisse.
Matera liegt nicht einfach vor einem.
Matera liegt übereinander, ineinander und teilweise unter einem.
Man läuft über Straßen, unter denen früher Wasserläufe verliefen. Man steht vor einer Hausfassade und entdeckt dahinter eine in den Fels geschlagene Wohnung. Unter einem der großen Plätze der Oberstadt befindet sich eine gewaltige Zisterne. Und während man heute durch restaurierte Gassen läuft, muss man sich immer wieder vor Augen halten, unter welchen Bedingungen hier noch vor wenigen Generationen Menschen gelebt haben.
Für uns wurde Matera deshalb zu einem der Orte unserer Süditalienreise, bei denen nicht nur die Bilder im Kopf geblieben sind.
Da waren Maria und ihre Führung auf Deutsch. Unser ungefähr 80-jähriger Stellplatzbetreiber und sein Van. Ein besonderes Brot gleich zur Begrüßung. Eine Höhlenwohnung mit Bett, Küche und Esel. Die Geschichte der Grabiglioni und des Wassers. Der Palombaro Lungo tief unter der Oberstadt. Die Kunstwerke von Andrea Roggi. Die vielen Filme, für die Matera zur Kulisse wurde. Und schließlich ein richtig leckeres Essen zu acht in einem wunderschönen Restaurant an einer renovierten Kirche direkt an der Schlucht.
Zu unserer Runde gehörten Michael aus Steinfurt mit seiner Frau, Herbert aus Ostösterreich mit seiner Frau und ein junges Paar, bei dem uns ausgerechnet das Bari-T-Shirt des jungen Mannes im Gedächtnis geblieben ist.
Das alles gehört für uns zu Matera.

Matera liegt nicht in Apulien – gehört für uns aber zu einer Apulienreise dazu
Eine kleine geografische Klarstellung vorweg, denn Matera wird sehr häufig gemeinsam mit einer Reise durch Apulien genannt:
Matera liegt nicht in Apulien.
Die Stadt gehört zur Basilikata, liegt allerdings nicht weit von der Grenze zu Apulien entfernt. Deshalb lässt sich Matera hervorragend in eine Reise durch Apulien und Süditalien integrieren.
Die Sassi und der Park der Felsenkirchen von Matera gehören seit 1993 zum UNESCO-Welterbe. Die UNESCO würdigt dabei die außergewöhnliche Siedlungsstruktur und die Anpassung der Menschen an das Gelände über einen sehr langen Zeitraum.
2019 war Matera außerdem Europäische Kulturhauptstadt.
Wenn man sich vor Augen führt, wie die Sassi noch in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wahrgenommen wurden, ist dieser Wandel bemerkenswert.
Mit Lilibet nach Matera
Wir waren natürlich mit unserer Lilibet unterwegs.
Bei einer historischen italienischen Stadt stellt sich mit einem größeren Wohnmobil ziemlich schnell die Frage: Wie nah möchte man damit eigentlich an die Altstadt heranfahren?
Unsere Antwort lautete in Matera:
Gar nicht.
Wir standen mit Lilibet auf der Area Camper Matera an der SS7.
Und schon dort begann eine dieser kleinen Geschichten, die später fast genauso in Erinnerung bleiben wie die eigentliche Sehenswürdigkeit.
Der Betreiber war ungefähr 80 Jahre alt und bot seinen Gästen auch einen Transfer mit seinem Van an.
Für uns war das perfekt.
Lilibet konnte entspannt auf dem Stellplatz bleiben und wir mussten uns weder mit Parkplätzen noch mit engen Straßen beschäftigen.
Doch bevor es überhaupt in die Stadt ging, bekamen wir erst einmal etwas geschenkt.
Willkommen in Matera – erst einmal ein Brot
Kaum waren wir angekommen, überraschte uns der Stellplatzbetreiber mit einer wirklich schönen Geste:
Jeder bekam von ihm ein Brot geschenkt.
Und zwar nicht irgendeines.
Es war das typische Pane di Matera.

Auf unserem Foto liegt das Brot später bei uns im Wohnmobil.
Zu diesem Zeitpunkt wussten wir noch gar nicht, wie eng dieses Brot mit der Geschichte Materas verbunden ist.
Das Pane di Matera IGP wird traditionell aus Hartweizengrieß hergestellt. Charakteristisch sind seine kräftige Kruste, die gelbliche Krume und seine besondere Form. Seit 2008 trägt es die geschützte geografische Angabe IGP.
Noch schöner ist die Geschichte dahinter.
Früher bereiteten die Familien ihren Brotteig zu Hause vor. Weil anschließend viele Brote gemeinsam in öffentlichen beziehungsweise gemeinschaftlich genutzten Öfen gebacken wurden, kennzeichneten Familien ihren Teig mit einem eigenen Brotstempel aus Holz.
So wusste man nach dem Backen, wem welcher Laib gehörte.
Solche Brotstempel sind heute noch Teil der materiellen Kultur Materas.
Für uns war das Pane di Matera zunächst einfach eine ausgesprochen nette Begrüßung.
Später, nachdem wir mehr über Matera und seine Geschichte erfahren hatten, bekam dieses Geschenk noch einmal eine ganz andere Bedeutung.
Und genau solche Kleinigkeiten mögen wir beim Reisen.
Mit dem Van in Richtung Sassi
Nachdem Lilibet versorgt war und unser Brot seinen Platz gefunden hatte, brachte uns der Betreiber mit seinem Van in Richtung Stadt.
Und irgendwann steht man dann tatsächlich davor.

Der erste Blick ist schwer zu beschreiben.
Alles scheint aus demselben hellen Stein zu bestehen.
Häuser stehen auf Häusern. Dazwischen verlaufen Treppen, Terrassen und winzige Gassen. Dächer werden zu Wegen, Wege führen über andere Wohnungen und hinter manchen Fassaden verschwindet das Gebäude einfach im Fels.
Von oben sieht Matera fast wie ein Modell aus.
Erst beim Hineinlaufen merkt man, wie groß und verschachtelt die Sassi tatsächlich sind.
Die beiden historischen Viertel heißen Sasso Barisano und Sasso Caveoso. Dazwischen beziehungsweise darüber erhebt sich die Civita mit der Kathedrale.

Das alles wollten wir aber nicht nur anschauen.
Wir wollten verstehen, was wir da eigentlich sehen.
Und dafür hatten wir Maria.
Mit Maria durch Matera
Wir hatten eine Führung gebucht und hatten das Glück, mit Maria eine deutschsprachige Führerin zu bekommen.
Das war für uns ein wichtiger Unterschied.
Man kann Matera natürlich alleine erkunden. Man kann Aussichtspunkte suchen, Kirchen anschauen und durch die Sassi laufen.
Aber dann sieht man vor allem Steine.
Maria erzählte uns von den Menschen.
Von den Wohnungen.
Vom Wasser.
Von den Tieren.
Von den hygienischen Problemen.
Von der Kunst.
Vom Brot und der Küche.
Und davon, wie sich Matera verändert hat.
Sie machte uns auf Dinge aufmerksam, an denen wir alleine wahrscheinlich vorbeigelaufen wären.
Plötzlich wurde aus einer schönen Kulisse eine Stadtgeschichte.
Matera muss man zu Fuß entdecken

Wer Matera besuchen möchte, sollte vernünftige Schuhe anziehen.
Die Sassi bestehen gefühlt aus Treppen.
Treppen hinunter.
Treppen hinauf.
Dann eine Gasse.
Dann wieder Treppen.
Dazu kommt der teilweise sehr glatte und unregelmäßige Stein.
Aber genau diese Wege machen Matera aus.

Man läuft durch einen schmalen Durchgang und sieht zunächst nur Mauern.
Zehn Meter weiter öffnet sich plötzlich ein riesiges Panorama.
Dann verschwindet die Stadt wieder hinter einem Torbogen.
Matera gibt seine schönsten Ausblicke manchmal nur für wenige Schritte frei.
Wohnen in einer Höhle – plötzlich wird Geschichte greifbar
Einer der wichtigsten Punkte unserer Führung war für uns der Besuch einer historischen Höhlenwohnung.

Heute steht man darin und sieht ein Bett, einen Tisch, eine Feuerstelle und verschiedene Gegenstände des täglichen Lebens.
Fast könnte man versucht sein, das Ganze romantisch zu finden.
Eine gemütliche Höhle.
Kühl im Sommer.
Geschützt im Winter.
Aber so einfach war das Leben natürlich nicht.
Viele Wohnungen bestanden aus einem gemauerten vorderen Bereich und Räumen, die tief in den Fels hineinreichten. Entsprechend problematisch waren Licht und Belüftung.
Auch die häufig wiederholte Aussage, alle Höhlenwohnungen hätten überhaupt keine Fenster gehabt, ist zu pauschal. Die Bauformen unterschieden sich. Teilweise gab es kleine Öffnungen oberhalb oder neben dem Eingang.
Aber je tiefer eine Wohnung in den Fels hineinreichte, desto weniger Licht und Frischluft kamen hinein.
Und dann waren da noch die Tiere.

Menschen und Nutztiere lebten teilweise tatsächlich in derselben Höhlenwohnung.
Esel und Maultiere waren keine Dekoration.
Sie waren Arbeitsmittel und für viele Familien eine Existenzgrundlage. Auch kleinere Nutztiere konnten mit in den Räumen untergebracht sein.
Was heute in einer rekonstruierten Wohnung beinahe folkloristisch aussieht, bedeutete damals natürlich zusätzliche hygienische Belastungen.
Und je dichter die Sassi bewohnt wurden, desto größer wurden diese Probleme.
Das Wasser der Sassi – beeindruckend, aber nicht romantisieren
Beim Thema Wasser muss man in Matera besonders genau hinschauen.
Denn verschiedene Systeme werden gerne miteinander vermischt.
Die Bewohner der Sassi verfügten über kleine private und gemeinschaftlich genutzte Zisternen. Regenwasser wurde über Dächer, Höfe, Rinnen und Felsflächen gesammelt und in in den Fels gearbeiteten Behältern gespeichert.
Das war ein beeindruckendes System der Anpassung an die örtlichen Bedingungen.
Es bedeutete aber nicht, dass den Bewohnern unbegrenzt hygienisch einwandfreies Wasser zur Verfügung stand.
Und vor allem bedeutet es nicht, dass der große Palombaro Lungo die zentrale Wasserversorgung der Sassi gewesen wäre.
Das war er nicht.
Bevor wir zum Palombaro kommen, muss man aber einen anderen Teil der Stadtgeschichte verstehen.
Wo heute Straßen verlaufen, waren früher die Grabiglioni
Durch Sasso Barisano und Sasso Caveoso verliefen natürliche Einschnitte und Wasserläufe, die sogenannten Grabiglioni.
Ursprünglich dienten sie der Ableitung von Oberflächen- und Regenwasser in Richtung Gravina.
Mit der immer dichteren Besiedlung veränderte sich ihre Funktion.
Die Bewohner mussten schließlich auch ihre Abfälle und Hinterlassenschaften loswerden. Die Grabiglioni nahmen deshalb zunehmend auch Abwässer und organische Abfälle auf.
Historische und wissenschaftliche Untersuchungen beschreiben diese problematische Doppelfunktion von Regenwasserabfluss und Abwasserentsorgung.
Damit wurde aus einem natürlichen Entwässerungssystem zunehmend ein hygienisches Problem.
Das war einer der Punkte, die Maria uns erklärte und die bei uns besonders hängen geblieben sind.
Denn:
Dort, wo diese offenen Läufe früher durch die Sassi führten, befinden sich heute teilweise Straßen.
Im 20. Jahrhundert wurden die Grabiglioni schrittweise überdeckt. Darunter entstanden Abwassersammler, darüber Verkehrswege.
Im Sasso Barisano entstand auf diese Weise unter anderem die heutige Via Fiorentini, im Sasso Caveoso die Via Bruno Buozzi.
Wenn man das weiß, betrachtet man manche Straße in Matera völlig anders.
Heute laufen Touristen darüber.
Früher floss dort das, was eine dicht bewohnte Stadt loswerden musste.
1927 kommt das Wasser aus dem Aquädukt
Und dann kam ein entscheidender Schritt in Richtung moderner Wasserversorgung.
Matera wurde an das Acquedotto Pugliese, das Apulische Aquädukt, angeschlossen.
Für Matera wird der Anschluss beziehungsweise die Inbetriebnahme der öffentlichen Versorgung auf 1927 datiert.
Das veränderte die Wasserversorgung grundlegend.
Über Jahrhunderte hatte gegolten:
Wasser musste dort aufgefangen werden, wo es anfiel.
Regen war eine kostbare Ressource.
Dächer und Felsflächen waren Sammelflächen.
Rinnen transportierten das Wasser.
Zisternen speicherten es.
Mit dem Aquädukt kam Wasser nun zunehmend über ein modernes Leitungsnetz in die Stadt.
Das jahrhundertealte Zisternensystem verlor damit nach und nach seine zentrale Bedeutung.
Und genau deshalb verlor auch eine der beeindruckendsten Anlagen Materas irgendwann ihre ursprüngliche Funktion.
Palombaro Lungo – fünf Millionen Liter unter unseren Füßen

Wir waren selbst unten.
Und das sollte man sich unserer Meinung nach nicht entgehen lassen.
Unter der Piazza Vittorio Veneto befindet sich ein gewaltiger unterirdischer Wasserspeicher.
Der Palombaro Lungo entstand durch die Erweiterung und Verbindung unterirdischer Räume. Seine Kapazität wird mit ungefähr fünf Millionen Litern Wasser angegeben. Die Wände wurden mit einem wasserundurchlässigen Material auf Basis von Terrakotta und Kalk, dem sogenannten cocciopesto, behandelt.

Heute führen Metallstege durch die Anlage.
Das Licht ist gedämpft.
Die Wände verschwinden teilweise in der Dunkelheit.
Und während man dort unten steht, findet über einem ganz normal das heutige Leben Materas statt.
Der Palombaro erreicht ungefähr 50 Meter Länge und stellenweise rund 16 Meter Tiefe.
Dabei ist eine Unterscheidung ganz wichtig:
Der Palombaro Lungo war nicht einfach die große Zisterne der Bewohner der Sassi.
Er befand sich im höher gelegenen Bereich des sogenannten Piano und gehörte zur Wasserversorgung dieses Teils der Stadt.
Die Bewohner der Sassi verfügten dagegen über ihre zahlreichen kleineren privaten und gemeinschaftlichen Zisternen.
Uns wurde bei unserem Besuch erzählt, der Palombaro Lungo sei nach einer Zisterne in Istanbul die zweitgrößte Zisterne der Welt.
Das klingt natürlich spektakulär.
Eine belastbare internationale Rangliste dafür konnten wir allerdings nicht finden.
Deshalb schreiben wir lieber genau das, was wir wissen:
Uns wurde es vor Ort so erzählt.
Und fünf Millionen Liter sind schließlich auch ohne Weltrekord beeindruckend genug.
Die Wohnverhältnisse werden zum politischen Problem
In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ließen sich die Probleme der Sassi irgendwann nicht mehr ignorieren.
Zu viele Menschen lebten auf engem Raum.
Sanitäre Einrichtungen fehlten in zahlreichen Wohnungen.
Menschen und Tiere teilten teilweise dieselben Räume.
Die historische Infrastruktur konnte mit den Anforderungen einer modernen und dicht bevölkerten Stadt nicht mehr Schritt halten.
In der öffentlichen Debatte wurden die Zustände der Sassi schließlich zu einem Symbol für die Armut des italienischen Südens.
Dabei fällt häufig der Begriff „vergogna nazionale“ – nationale Schande.
Auch hier lohnt sich etwas Genauigkeit. Der Begriff wird in der Erinnerung häufig unmittelbar mit Alcide De Gasperi verbunden. Die historische Entwicklung ist jedoch komplexer; bereits 1948 wurde eine entsprechende Charakterisierung im politischen Diskurs verwendet. De Gasperis Besuch Materas 1950 und die folgenden staatlichen Maßnahmen waren anschließend entscheidend für die politische Lösung.
Und die bekam 1952 eine konkrete gesetzliche Grundlage.
Gesetz Nr. 619 – der Staat greift ein
Am 17. Mai 1952 verabschiedete die Italienische Republik die Legge n. 619.
Ihr vollständiger Titel lautete:
„Risanamento dei rioni dei ‘Sassi’ nell’abitato del comune di Matera“.
Sinngemäß:
Sanierung der Sassi-Viertel im Stadtgebiet von Matera.
Das Gesetz wurde am 18. Juni 1952 im italienischen Gesetzblatt veröffentlicht.
Es sah unter anderem vor, Bewohner aus als unbewohnbar eingestuften Unterkünften umzusiedeln, geeignete Gebäude zu sanieren und die notwendige hygienische Infrastruktur zu schaffen.
Wichtig ist uns dabei:
Die Sassi wurden nicht an einem einzigen Tag „geräumt“.
Es handelte sich um einen länger dauernden staatlich organisierten Prozess.
Für die betroffenen Familien entstanden neue Wohnquartiere außerhalb der alten Sassi.
Weitere Gesetze und Finanzierungen folgten.
Und dann geschah etwas, das den unglaublichen Wandel Materas besonders deutlich macht.
1952 Umsiedlung – 1986 nationales Kulturerbe – 1993 UNESCO
Nur wenige Jahrzehnte später hatte sich der Blick auf die Sassi grundlegend verändert.
1986 verabschiedete Italien mit der Legge n. 771 ein weiteres wichtiges Gesetz.
Nun ging es nicht mehr in erster Linie darum, Menschen aus den alten Quartieren herauszubringen.
Im Gegenteil.
Die Erhaltung und Wiedergewinnung der Sassi sowie der Schutz der gegenüberliegenden Murgia wurden zum Anliegen von vorrangigem nationalem Interesse erklärt.
Das ist ein bemerkenswerter Wandel.
1952:
Sanierung und Umsiedlung.
1986:
Erhaltung und Wiedergewinnung als nationales Interesse.
1993:
UNESCO-Welterbe.
Und 2019:
Europäische Kulturhauptstadt.
Innerhalb weniger Generationen änderte sich die Wahrnehmung dieser Stadt fundamental.
Die Kathedrale über den Sassi

Auf der Civita zwischen den beiden Sassi erhebt sich die Kathedrale.
Die Cattedrale di Maria Santissima della Bruna e Sant’Eustachio wurde im 13. Jahrhundert errichtet und 1270 vollendet.
Von außen fügt sie sich mit ihrem hellen Stein beinahe selbstverständlich in Matera ein.
Innen wartet eine Überraschung.

Nach all den erdigen und hellen Steintönen draußen steht man plötzlich zwischen Gold, Ornamenten und üppiger Ausstattung.
Dieser Kontrast hat uns gefallen.
Matera wechselt ständig sein Gesicht.
Andrea Roggi – Lebensbäume zwischen den Sassi
Und dann machte Maria uns auf etwas aufmerksam, an dem wir sonst möglicherweise einfach vorbeigelaufen wären.
Die Kunstwerke von Andrea Roggi.

Besonders aufgefallen ist uns ein Olivenbaum mit weit ausladenden, offen dargestellten Wurzeln.
Maria erklärte uns auch, wer dahintersteckt.
Andrea Roggi ist ein toskanischer Bildhauer. Er wurde 1962 in Castiglion Fiorentino in der Provinz Arezzo geboren und gründete dort 1991 sein Atelier.
Bekannt ist er insbesondere für seine „Alberi della Vita“ – Lebensbäume.
Olivenbäume, Wurzeln, menschliche Figuren und die Verbindung zwischen Mensch und Erde tauchen in seinen Arbeiten immer wieder auf.
In Matera waren mehrere seiner Arbeiten im Rahmen von „Terra Mater“ im öffentlichen Raum zu sehen.
Und wenn Maria uns nicht darauf hingewiesen hätte, hätten wir vielleicht einfach gesagt:
Schöner Baum.
Wenn man aber weiß, was hinter diesen Arbeiten steckt, sieht man sie plötzlich überall.
Und für Matera könnte man sich kaum ein passenderes Motiv vorstellen.
Ein Baum, dessen Wurzeln sichtbar sind.
Mitten in einer Stadt, bei der ebenfalls ein großer Teil ihrer Geschichte unter der sichtbaren Oberfläche liegt.
Matera und das Kino – diese Stadt braucht keine Kulisse
Es gibt noch einen Grund, warum einem Matera merkwürdig vertraut vorkommen kann.
Vielleicht hat man die Stadt schon einmal im Kino gesehen.
Die Sassi und die karge Landschaft der Murgia wirken so archaisch, dass Filmemacher Matera immer wieder als Ersatz für Jerusalem, Bethlehem oder andere historische Schauplätze genutzt haben.
Einer der bedeutendsten frühen Filme entstand 1964.
Pier Paolo Pasolini drehte hier große Teile von „Das 1. Evangelium – Matthäus“.
1985 folgte „King David“ mit Richard Gere.
2004 machte Mel Gibson Matera mit „Die Passion Christi“ einem riesigen internationalen Publikum bekannt. Die Sassi und die Landschaft der Murgia verwandelten sich filmisch erneut in das historische Jerusalem.
2006 entstanden hier Szenen für „The Nativity Story“.
Auch „The Omen“ und später „Wonder Woman“ nutzten Matera beziehungsweise die Umgebung als Filmkulisse.
Und dann kam James Bond.
James Bond rast durch Matera
Wer „Keine Zeit zu sterben – No Time to Die“ gesehen hat, kennt Matera möglicherweise, ohne es bewusst zu wissen.
Die spektakuläre Eröffnungssequenz spielt zu wesentlichen Teilen hier.
James Bond und Madeleine Swann bewegen sich zunächst durch die historische Kulisse, bevor aus dem beschaulichen Matera eine ziemlich actionreiche Angelegenheit wird.
Aston Martin.
Motorräder.
Verfolgungsjagden.
Enge Gassen.
Treppen.
Sprünge.
Plötzlich sieht man die Straßen, durch die man gerade selbst gelaufen ist, mit völlig anderen Augen.
Und trotzdem braucht Matera eigentlich keine Filmkulisse.
Matera ist die Kulisse.
Genau deshalb kommen Regisseure immer wieder hierher.
Und dann waren wir zu acht beim Essen
Nach unserer Führung war irgendwann erst einmal Schluss mit Geschichte.
Wir hatten Hunger.
Und damit begann einer der schönsten Teile unseres Tages.
Wir gingen in ein sehr schönes Restaurant an einer renovierten Kirche, unmittelbar an der Abbruchkante.
Vor einem fällt die Landschaft Richtung Gravina ab.
Das war einer dieser Orte, an denen man sich hinsetzt und schon aufgrund der Lage denkt:
Hier bleiben wir jetzt erst einmal.
Und dann saßen wir dort plötzlich zu acht.
Mit dabei waren die beiden Paare, die wir kennengelernt hatten.
Michael war mit seiner Frau aus Steinfurt angereist.
Herbert und seine Frau kamen aus Ostösterreich.
Und dann war da noch ein junges Paar.
Der junge Mann trug ein Bari-T-Shirt.
Eigentlich vollkommen nebensächlich.
Und trotzdem erinnern wir uns daran.
Warum?
Keine Ahnung.
Aber genau so funktionieren Reiseerinnerungen.
Das Essen war total lecker.
Aber mindestens genauso schön war die Situation selbst.
Da sitzen acht Menschen irgendwo in Süditalien gemeinsam an einem Tisch, die sich vorher teilweise überhaupt nicht kannten.
Man redet.
Man lacht.
Man isst.
Und plötzlich verbringt man gemeinsam einen richtig schönen Nachmittag.
Keine organisierte Reisegruppe.
Kein geplantes Treffen.
Es hat sich einfach ergeben.
Und genau das mögen wir am Reisen mit Lilibet.
Man fährt wegen eines Ortes los.
Und manchmal sind es hinterher die Menschen, an die man sich genauso gerne erinnert.
Matera kann man auch schmecken
Und natürlich gehört zum Matera-Erlebnis das Essen.
Das berühmte Pane di Matera hatten wir zu diesem Zeitpunkt ja bereits kennengelernt – auf eine besonders nette Art, denn unser Stellplatzbetreiber hatte uns gleich bei der Ankunft eines geschenkt.
Aber Brot spielt in der traditionellen Küche Materas noch eine viel größere Rolle.
Das Pane di Matera wurde so gebacken, dass es lange haltbar war.
Und wenn es älter wurde, warf man es nicht einfach weg.
Daraus entstanden Gerichte wie die Cialledda.
Dabei wird altes Brot wieder eingeweicht und je nach Variante beispielsweise mit Tomaten, Knoblauch, Olivenöl und anderen einfachen Zutaten kombiniert.
Ein weiteres traditionelles Gericht Materas ist die Crapiata.
Sie besteht aus verschiedenen Hülsenfrüchten und Getreidearten und geht auf eine bäuerliche Tradition zurück: Nach der Ernte brachten Familien einen Teil ihrer Erzeugnisse zusammen und daraus wurde gemeinschaftlich ein Gericht gekocht.
Das ist einfache Küche.
Aber es ist eine Küche, die sehr viel über die Lebensweise erzählt.
Nichts verschwenden.
Vorhandene Zutaten verwenden.
Teilen.
Gemeinsam essen.
Und irgendwie passte das wunderbar zu unserem eigenen Nachmittag.
Natürlich saßen wir unter völlig anderen Bedingungen in einem schönen Restaurant.
Aber auch bei uns saßen am Ende acht Menschen gemeinsam an einem Tisch, die sich kurz vorher teilweise überhaupt nicht kannten.
Von unten wieder hinauf

Nach Höhlenwohnungen, Wasser, Zisternen, Kunst, Kirche, Geschichte und unserem gemeinsamen Essen ging es weiter durch die Stadt.
Und wieder diese Ausblicke.
Manchmal reicht ein Torbogen als Bilderrahmen.
Manchmal eine Treppe.
Manchmal steht man zwischen zwei Häusern und blickt plötzlich über die gesamte Schlucht.
Matera ist unglaublich fotogen.
Aber gleichzeitig merkt man irgendwann:
Die Fotos allein können diesen Ort gar nicht richtig erklären.
Wie viel Zeit sollte man für Matera einplanen?
Man kann Matera an einem Tag besuchen.
Morgens ankommen, durch die Sassi laufen, ein paar Aussichtspunkte fotografieren und am Nachmittag weiterfahren.
Wir würden es anders machen.
Mindestens einen vollständigen Tag sollte man sich unserer Meinung nach gönnen. Mit dem Wohnmobil bietet sich eine Übernachtung ohnehin an.
Eine Führung würden wir ebenfalls wieder buchen.
Gerade die Geschichte der Höhlenwohnungen, der Grabiglioni, der Zisternen, des Aquädukts und der Umsiedlung erschließt sich nicht unbedingt beim bloßen Anschauen.
Und dann sind da noch die Dinge, die überhaupt nicht im Reiseführer stehen.
Vielleicht entdeckt man ein Kunstwerk, auf das Maria aufmerksam macht.
Vielleicht bekommt man vom Stellplatzbetreiber ein Brot geschenkt.
Vielleicht sitzt man plötzlich zu acht beim Essen.
Dafür braucht man Zeit.
Ist Matera anstrengend zu Fuß?
Ja.
Und trotzdem würden wir die Sassi unbedingt zu Fuß erkunden.
Es gibt zahlreiche Treppen, Steigungen und unregelmäßiges beziehungsweise teilweise glattes Pflaster.
Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität können große Teile der historischen Viertel schwierig sein.
Gute Schuhe sind deshalb wichtiger als besonders elegante Urlaubsschuhe.

Dafür entdeckt man zu Fuß Stellen, an denen man sonst einfach vorbeikäme.
Unser persönlicher Matera-Moment

Was bleibt also?
Natürlich die Sassi.
Der Blick über diese unglaubliche Stadt.
Die Höhlenwohnung.
Der Esel.
Die Kathedrale.
Die Kunstwerke von Andrea Roggi.
Und der Moment, in dem wir auf einem Metallsteg tief unter der Piazza Vittorio Veneto im Palombaro Lungo standen.
Aber es sind genauso die kleinen Geschichten.
Unser ungefähr 80-jähriger Stellplatzbetreiber.
Sein Van.
Das Pane di Matera, das jeder von ihm gleich zur Begrüßung bekam.
Maria, die uns Matera auf Deutsch erklärte und uns auch auf Dinge wie die Kunstwerke von Andrea Roggi aufmerksam machte.
Michael aus Steinfurt mit seiner Frau und Herbert aus Ostösterreich mit seiner Frau.
Das junge Paar.
Das Bari-T-Shirt.
Das Restaurant an der renovierten Kirche direkt an der Schlucht.
Acht Leute an einem Tisch.
Und richtig gutes Essen.
Wenn wir irgendwann einmal sagen:
„Weißt du noch, Matera?“
dann werden wahrscheinlich genau diese Bilder wiederkommen.
Unser Lembus-Fazit: Lohnt sich Matera mit dem Wohnmobil?
Für uns ganz eindeutig:
Ja.
Aber Matera lohnt sich nicht nur wegen seiner berühmten Aussicht.
Wer lediglich zum Aussichtspunkt fährt, die Sassi fotografiert und anschließend weiterreist, hat zwar eines der spektakulärsten Stadtpanoramen Italiens gesehen.
Aber er hat Matera noch nicht unbedingt verstanden.
Interessant wird die Stadt unter der Oberfläche.
Wenn man erkennt, dass hinter einer Hausfassade eine Höhle weitergeht.
Wenn man sieht, wie Menschen und Tiere zusammenlebten.
Wenn man erfährt, dass heutige Straßen ehemaligen Wasserläufen folgen.
Wenn man versteht, dass die Bewohner der Sassi ihre eigenen kleinen Zisternen hatten und der große Palombaro Lungo unter der Oberstadt nicht einfach ihre zentrale Wasserversorgung war.
Wenn man weiß, dass das Aquädukt in den 1920er-Jahren eine völlig neue Art der Wasserversorgung brachte.
Wenn man sich vor Augen führt, dass das italienische Parlament 1952 mit dem Gesetz Nr. 619 ein staatliches Sanierungs- und Umsiedlungsprogramm für die Sassi auf den Weg brachte.
Und wenn man dann versteht, dass Italien 1986 die Wiedergewinnung und Erhaltung derselben Sassi zum nationalen Interesse erklärte.
1993 folgte die UNESCO.
2019 die Europäische Kulturhauptstadt.
Heute drehen internationale Regisseure hier Filme.
Künstler stellen ihre Werke zwischen den historischen Mauern aus.
Menschen aus aller Welt kommen nach Matera.
Und Restaurants, Unterkünfte und kleine Geschäfte haben viele der historischen Räume wieder mit Leben gefüllt.
Wir kamen mit Lilibet.
Bekamen erst einmal ein Brot geschenkt.
Fuhren mit einem ungefähr 80-jährigen Stellplatzbetreiber im Van in die Stadt.
Lernten Matera mit Maria kennen.
Stiegen hinunter in Höhlen und Zisternen.
Und saßen schließlich mit Michael und seiner Frau, Herbert und seiner Frau sowie dem jungen Paar gemeinsam an einem Tisch.
Wir wollten uns Matera anschauen.
Und bekamen sehr viel mehr.
Genau wegen solcher Orte fahren wir los.
FAQ – Matera mit dem Wohnmobil
Wo liegt Matera?
Matera liegt in der süditalienischen Region Basilikata, nahe der Grenze zu Apulien. Deshalb lässt sich die Stadt sehr gut in eine Apulienreise integrieren.
Was sind die Sassi von Matera?
Sasso Barisano und Sasso Caveoso sind die berühmten historischen Felsenviertel Materas. Viele Gebäude bestehen aus gemauerten Fassaden und dahinter in den Fels gearbeiteten Räumen. Gemeinsam mit dem Park der Felsenkirchen gehören sie seit 1993 zum UNESCO-Welterbe.
Warum wurden die Bewohner der Sassi umgesiedelt?
Hohe Bevölkerungsdichte sowie schlechte Wohn- und Hygieneverhältnisse hatten die Situation in Teilen der Sassi stark verschärft. Mit dem italienischen Gesetz Nr. 619 vom 17. Mai 1952 begann ein staatlich organisiertes Sanierungs- und Umsiedlungsprogramm.
Was waren die Grabiglioni?
Die Grabiglioni waren natürliche Wasserläufe durch die Täler von Sasso Barisano und Sasso Caveoso. Mit zunehmender Besiedlung führten sie neben Regenwasser auch Abwässer und Abfälle. Später wurden sie überdeckt; darunter entstanden Abwassersammler und darüber Straßen.
Wann kam das Aquädukt nach Matera?
Matera wurde in den 1920er-Jahren an das Acquedotto Pugliese angeschlossen; für die öffentliche Wasserversorgung wird 1927 als entscheidendes Jahr genannt. Dadurch verlor die traditionelle Versorgung über Zisternen zunehmend ihre zentrale Bedeutung.
Was ist der Palombaro Lungo?
Der Palombaro Lungo ist eine große unterirdische Zisterne unter der Piazza Vittorio Veneto. Sie konnte ungefähr fünf Millionen Liter Wasser speichern. Heute kann man die Anlage über Metallstege besichtigen.
Versorgte der Palombaro Lungo die Bewohner der Sassi?
Nicht in dem häufig vermittelten vereinfachten Sinn. Der Palombaro gehörte zur Wasserversorgung des höher gelegenen Stadtbereichs. Die Sassi besaßen zahlreiche eigene kleinere private und gemeinschaftliche Zisternen.
Welches Brot ist typisch für Matera?
Das bekannteste Brot ist das Pane di Matera IGP, ein traditionelles Hartweizenbrot mit kräftiger Kruste und charakteristischer Form. Früher wurden die Brote der einzelnen Familien vor dem gemeinschaftlichen Backen mit individuellen Holzstempeln gekennzeichnet.
Welche Gerichte sind typisch für Matera?
Neben dem Pane di Matera gehören beispielsweise Cialledda, bei der auch älteres Brot weiterverwendet wird, und Crapiata, ein traditionelles Gericht aus Hülsenfrüchten und Getreide, zur regionalen Küche.
Welche Filme wurden in Matera gedreht?
Zu den bekannten Produktionen gehören unter anderem Pasolinis Das 1. Evangelium – Matthäus, King David, Die Passion Christi, The Nativity Story, Wonder Woman und der James-Bond-Film Keine Zeit zu sterben – No Time to Die.
Wer ist der Künstler mit den Lebensbäumen in Matera?
Die auffälligen Lebensbaum-Skulpturen stammen vom toskanischen Bildhauer Andrea Roggi. Seine „Alberi della Vita“ greifen häufig Olivenbäume, Wurzeln, Menschen und die Verbindung zur Erde auf. Mehrere seiner Arbeiten waren beziehungsweise sind im öffentlichen Raum Materas zu sehen.
Wie lange sollte man für Matera einplanen?
Wir würden mindestens einen vollständigen Tag und möglichst eine Übernachtung einplanen. Für eine Führung, eine historische Höhlenwohnung, den Palombaro Lungo, die Sassi und ein entspanntes Essen sollte man Matera nicht unter Zeitdruck besuchen.
Kann man Matera gut zu Fuß erkunden?
Ja – und unserer Meinung nach sollte man das unbedingt. Allerdings gibt es viele Treppen, Steigungen und unregelmäßiges beziehungsweise glattes Pflaster.
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